Es ist schon ein paar Wochen her, dass ich auf Empfehlung meiner guten Freundin Christine einen Podcast mit Hartmut Rosa gehört habe, aus dem besonders ein Wort bei mir hängen geblieben ist:
Weitwinkelaufmerksamkeit.
Es beschreibt eine Art der Aufmerksamkeit, mit der wir fokus-los durch die Welt gehen. Ohne direkte Absicht oder Ziel. Sie zeigt sich zum Beispiel beim Schlendern in einer Stadt. Bei einem Spaziergang mit offenen Augen und Herzen. Oder auch beim Bäcker, wenn wir der Verkäufer:in für einen Moment wirklich in die Augen sehen und ganz da sind.
Diese Momente tanken uns auf. Da findet ein Energieaustausch statt.
Wir geben Aufmerksamkeit und Energie und wir bekommen etwas zurück.
Gestern hatte ich einen schwierigen Tag. Ich habe eine so traurige Nachricht erhalten, die mich mehrere Nächte lang schlecht schlafen lassen hat.
Der Tag im Büro in Köln bei der Hitze und schlechten Luft hat mich einfach nur erschöpft. Als ich dann am Abend mit dem Auto mit offenen Fenstern aus dem Parkhaus gefahren bin, hat ein Mann mit seinem Sohn auf dem Gehsteig angehalten, um mich durchfahren zu lassen.
Ich bin einen Moment länger stehen geblieben und habe ihm einfach in die Augen geschaut.
Ich habe Wärme, Liebe und Hoffnung gespürt.
Für einen Moment.
Danach war die Hitze, diese unerträglich stickige Stadtluft, die Müdigkeit, die Schwere wieder da.
Doch für einen Moment war es anders.
Das Leben zeigt sich bei vielen von uns gerade in seiner ganzen Fülle.
Mit Schönheit und Sonne – Krankheit und Schwere.
Mit Liebe und mit Angst.
Mit Dunkelheit und Licht.
Gerade hier erlebe ich nochmal eine neue Qualität und Bedeutung der Weitwinkelaufmerksamkeit.
Sie erinnert mich daran, nicht zuzumachen, mich nicht zu verhüllen oder zu verhärten.
Nicht rastlos auf meinem Handy zu scrollen, auf der Suche nach Ablenkung.
Sondern offen zu bleiben – die Fenster der Aufmerksamkeit und des Lebens zu öffnen und das Leben einfach reinzulassen.
So wie es genau jetzt gerade ist.
„Was machst du?
Nichts, ich lasse das Leben auf mich regnen.“
Steht auf einer Postkarte, die ich meiner Schwester vor längerer Zeit geschenkt habe.
Das Leben ist ein Wunder.

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